Liverpudlians

Nun möchte ich euch einmal die Fans des LFC etwas näher vorstellen. Hierzu habe ich einen Bericht aus dem Stadionwelt Magazin in etwas abgewandelter Form verwendet, sowie sonstige Informationen gesammelt und verwendet.

Die Liverpooler Fanszene hat mehr durchgemacht als andere Fanszenen und sie war an beiden großen Stadiontragödien im englischen Fußball maßgeblich beteiligt. Grundsätzlich gilt der Liverpooler in England als "Trauer Süchtig", was wohl auch mit der Geschichte des Liverpool FC zu tun haben könnte.

"Das einzige, wovor ich wirklich Angst habe ist, vor dem Kop ein leeres Tor nicht zu treffen. Ich würde sterben wollen, wenn das passiert. Wenn die Fans dort You' ll never walk alone singen bekomme ich feuchte Augen. Es gab sogar schon Momente während des Spiels wo ich geweint habe".
(Kevin Keagen, the mighty Mouse)

Ein schöneres Lob wie das obige Zitat von Kevin Keagen kann es wohl nicht für eine Fanszene im Fußball geben. Mit diesem Lied haben die Fans Maßstäbe gesetzt und der Kop wäre wohl ohne dieses Lied heute nicht diese berüchtigte Tribüne. Das Lied hat genau die richtigen Emotionen und die LFC Supporter haben dies als erste erkannt.

Das Lied aus den 60ern prägte den gesamten Verein. Der beste Fußball und die beste Musik kamen in dieser Zeit aus Liverpool. Aber nicht nur das, auch die meisten und originellsten der heute bekannten Fangesänge kommen ursprünglich von der Kop aus Liverpool. So wurde einst bei einem Nebelspiel in Liverpool bei dem lediglich nur bis zur Mittellinie geschaut werden konnte per Echo Gesang zwischen der Kop und des Anfield-Road-Stands der Torschütze bekannt gegeben. Da das Tor auf der Anfield-Road-Seite fiel und die Leute im Kop es nicht sehen konnten fragten sie per Fangesang "Who shot the goal". Die Fans auf der Anfieldseite antworteten ebenfalls per Gesang den Namen des Torschützen. Doch damit nicht genug. Der Kop fragte nun "How shot Smith the goal". Die Anfieldboys antworteten erneut "With his head!". An Ideenreichtum waren die "Scouser" also noch nie sonderlich arm.
Die Fanszene Liverpool ist eine ganz eigene, genau wie die "Scouser" (die Leute von der Merseryside). Sie sind etwas rau, aber dennoch liebenswürdig.

Aber nicht alles war so gut, wie es in den 60ern begann. In den 70ern und 80ern, als die Docks in Liverpool dicht machten und es vielerorts zu sozialen Brennpunkten kam, entlud sich diese Stimmung an der Anfield Road. Der heute sympathisch wirkende Verein aus Nordengland war in dieser Zeit in der britischen Hooliganszene an vorderster Front anzutreffen.

In dieser Zeit war es üblich, dass bei Spielen gegen ManU beispielsweise Golfbälle mit Nägeln präpariert wurden, die dann in die United Fans geworfen wurden. In Coventry wurde vor jedem Spiel ein Erotik Shop geplündert und das Sortiment wurde während des Spiels auf den Platz geworfen. Aus Leicester wurde sogar einmal ein Sportwagen mitgebracht, der wie sich herausstellte, einem Spieler von City gehörte. Es fuhren teilweise Fans ohne jeden Penny zu Europacupauswärtsspielen und kamen mit vollen Taschen zurück. Diese Zeit war geprägt von den "Annie Road Endern", nicht so sehr von den "Kopites". Der gewaltbereite Kern der Fans sammelte sich damals auf dem Anfield Road Stand, direkt neben dem Gästeblock.
Die gleichen Hände, die auf Gästefans eindroschen waren es, die einer Gastmannschaft applaudierten, wenn diese ein gutes Spiel in Liverpool ablieferte. So wurde einst eine errungene Meisterschaft von Leeds United von den Fans des LFC mit stehenden Ovationen gefeiert - paradox, aber auch das ist typisch für den LFC.

"We shall not be moved" der alte Gewerkschaftsschlachtruf (Wir lassen uns nicht in die Flucht schlagen, wir geben nicht auf) ist ein beliebter Fangesang an der Anfield Road. Die Fans, nicht nur in Liverpool, versuchen durch dieses und natürlich auch andere Lieder ihre Verbundenheit und ihre Treue zu demonstrieren. Selber bezeichnen sich die Fans nicht gerne als Fans, sondern lieber als Supporter, als Hilfstruppen die ihrer "Red-Machine" zur Unterstützung beiwohnen. Allgemein ist es in England üblich vor dem Spiel durch einen hohen Geräuschpegel den Gegner zu verunsichern bzw. zu zeigen wer hier der Herr im Haus ist. Somit haben viele gegnerische Spieler und Verantwortliche schon vor dem Anstoss einen gewissen Respekt vor dem LFC und dessen Publikum.

Fußball in England ist immer wie eine Art Krieg, das konnte man auch beim Champions League Finale 2005 in Istanbul beobachten. Heysel hatten die Reds nicht vergessen und so wurde in Istanbul ganz strategisch die Innenstadt durch die "Scouser" besetzt. Am Nachmittag des Champions League Finales konnte man in der Innenstadt genau sehen wie die "Scouser" ganz strategisch auf Dächer kletterten, Kreuzungen mit Trupps besetzten oder gut einsehbare Straßenecken komplett in ihrer Hand hatten. Somit waren sie stets vor bösen Überraschungen, wie Übergriffen aus dem Hinterhalt, frühzeitig gewarnt.

"Music, Football & Fashon" das hängt zusammen, vor allem in England. Über Musik und Fußball braucht man ja eigentlich nichts mehr groß zu sagen. Aber auch Mode und Fußball hat eine Verbindung. Während Teams wie ManU oder Chelsea seit den 70ern in feinen italienischen Nadelstreifen auftraten und auch ihre Spielweise an die Südeuropäer erinnerte, wurde auch in der englischen Fanszene die Mode immer wichtiger. Ganze Hooliganfirms entdeckten die Markenklamotten für sich. So gehörten Lacoste, Lansdale und andere Edelmarken ebenso zu einem echten Hool, wie der kahl geschorene Kopf. Auch das restliche Publikum kleidete sich zu dieser Zeit elegant, wenn es ins Stadion ging. Ganz anders aber in Liverpool. Die Fans erschienen hier zunehmend in sportlicher Freizeitkleidung und in Turnschuhen und bekamen so den Namen "Casuals" (legere Mode). Dieser Modetrend veränderte den Fußball und die Fanszenen in der ganzen Welt. London war stets Modehauptstadt der Insel, aber die "Scouser" hatten einen entscheidenden Vorteil Ende der 70er. Sie gingen auf Reisen in ganz Europa und so kam es schon mal vor, dass sie ganze Boutiquen leer plünderten. Liverpool galt stets als Armenhaus Englands, aber jetzt setzten sie durch den neuen "Casual" Trend neue Maßstäbe in England und der ganzen Welt. Heute ist der Freizeittrend in den Stadien eigentlich nichts besonderes mehr oder?

Nach den beiden großen Stadionkatastrophen von Brüssel (1985) und Sheffield (1989) veränderte sich die Fanszene drastisch. Viele der gewaltbereiten Fans kamen nicht mehr ins Stadion, da sie Angehörige verloren hatten und diesen Schock nicht überwunden haben. Unvergessen bleibt die Menschenkette von Liverpoolern und Evertonfans, die zur Sammlung von Spenden für die Opfer der Katastrophe von Sheffield von der Anfield Road bis an die 800m entfernte Goodison Road ging. Hier kam er nun wieder durch, der Geist der 60er Jahre und wieder kam die Aktion nicht ohne Musik aus. "Ferry cross the mersey" wurde von Paul Mc Cartney neu aufgelegt und den Opfern gewidmet. Der Song blieb 3 Wochen auf Platz 1 der UK-Charts. Die Ursachen der beiden Katastrophen werden heute durchaus kritisch von den Liverpoolern gesehen, aber die Schuld wird nicht unbedingt bei ihnen selbst gesucht, was für manche den Eindruck der Uneinsichtigkeit hervorruft. Nach der Stadionkatastrophe von Sheffield beschuldigte die Londoner Zeitung "The Sun", die Liverpooler "Chaoten" für die Katastrophe verantwortlich zu sein. Konsequenz - Noch heute hat die "Sun" in Liverpool ganz schlechte Verkaufszahlen.

Heute sitzen führende Hooligans von damals in den Logen an der Anfield Road und arbeiten wochentags als Anwälte oder ähnliches. Nach den Katastrophen begann in England eine Versitzplatzung der Stadien. Der berüchtigte Kop wurde von 28.000 Stehplätzen auf 12.000 Sitzplätze reduziert. Beim letzten Heimspiel 1994 gegen Norwich wurde der Kop erst eine Stunde nach Spielende durch die Polizei geräumt. Die Fans wollten ihre Stehtribüne einfach nicht verlassen. 

Bei keinem anderen englischen Verein werden so viele Choreographien durchgeführt wie in Liverpool. Sicherlich mag dies dem ein oder anderen etwas zu "südländisch" daher kommen. Dennoch werden Choreos oft durchgeführt. Die "mosaics" werden vom Verein sogar finanziell unterstützt. Was bei anderen Vereinen durch Ultragruppen und sonstige Gruppierungen kritisch als Einmischung in die Fanszene gilt, interessiert hier keinen. Die Liverpool Fans sind weder in Ultragruppen noch in Fanklubs, wie man sie aus Deutschland kennt organisiert. Sie sind einfach ein paar Jungs, die zum Fußball gehen und ihr eigenes Ding drehen. Durch eine Ausnahmereglung sind sogar an der Anfield Road Schwenkfahnen erlaubt. Dies ist eigentlich vom Verband verboten, aber in Liverpool begrüßt dies der Verein, da es seit je her typisch für den LFC ist.

Die Fans des LFC sind politisch neutral. Die Tendenz geht jedoch schon eher in die linkspolitische Richtung. Auch eine rechte Organisation hat nie versucht, die Vorherrschaft der Fanszene an sich zu reißen. Die Liverpudlians sind einfach von allem etwas und sind stolz auf ihren LFC. Hier gibt es nicht den typischen Konflikt zwischen Normalo Fan, Ultra, Rechtsextremen oder sonstigen Fans. LFC Fan kann jeder sein, egal welcher politischen Meinung er ist. Bei Länderspielen der Engländer fällt die Anzahl von Liverpool Fahnen jedoch eher gering aus.

Wenn man Liverpooler Fans nach ihren Lieblingsspielen fragt, dann bekommt man fast immer eine Antwort: Das Champions League Finale 2005 oder andere Spiele, bei denen der LFC einen schier aussichtslosen Rückstand noch gedreht hat (Im englischen Fußball spricht man hier gerne von "They came from behind"). Gerade das macht die Fans aus, sich eben genau über diese Spiele zu freuen, bei denen die Mannschaft eigentlich schon tot scheint, dann aber doch noch zurück kommt und den Gegner schlägt.

Bei einer so großen Fanszene und einem so großen Kult um den Verein nimmt natürlich auch der Stadiontourismus ständig zu. Ca. 10.000 Touristen sind bei jedem Spiel dabei. Das wird natürlich nicht gerne von den echten Fans gesehen, aber wenn jemand für seinen Lebenstraum aus Australien in eines der dreckigsten Stadtviertel Liverpools fährt kann man wohl eine gewisse Vereinsliebe nicht abstreiten. Eine chronische Kartenknappheit herrscht auf alle Fälle. Für eine Dauerkarte muss eine Wartezeit von bis zu 13 Jahren aufgebracht werden.

Aber auch auf anderen Kontinenten gibt es Liverpool Fans, die zwar nicht die Anfield Road besuchen können, aber dennoch ihrem Verein die Treue halten. Eine sehr große Anzahl von Liverpool und ManU Fans gibt es in Bangkok (Thailand). Hier hat der größte Liverpool Fanclub 10.000 Mitglieder. Anders als in Japan oder China werden in Thailand nicht einzelne Spieler verehrt, sondern die Vereine. Bei den Aufeinandertreffen der beiden nordenglischen Spitzenteams kommt es schon mal vor, dass sich 10.000 Menschen in großen Hallen versammeln und dort gemeinsam Fußball schauen. Außer dem LFC und ManU haben es bisher weder Chelsea, Arsenal oder andere europäische Vereine geschafft eine solche Fangemeinde in Asien aufzubauen.

Die Fans von der Anfield Road zählen sicher nicht zu den lautesten Fans Europas. Aber wenn man im Stadion sitzt und Gerrard verliert z. B. im Mittelfeld den Ball und auf die Sekunde genau seufzen wie aus einem Mund 45.000 Kehlen, dann fährt es einem schon etwas schaurig über den Rücken und man fragt sich, ob das noch normal ist? Die LFC Fans sind während des Spiels eben total auf das Geschehen auf dem Platz fixiert. Gerade das macht diese Fanszene zu solch einer besonderen, wer sich mit soviel Hingabe und Konzentration einem Spiel widmet, der darf wohl zurecht das Prädikat "Die besten Fans der Welt" tragen. 

"Wenn Everton unten in meinem Garten spielen würde,
würde ich die Vorhänge zuziehen"
(Bill Shankly)

Das Zitat des lachenden Shanklys beweist, dass die Rivalität zu Everton nicht wirklich eine große Hassliebe ist. Man sagt, dass das Derby in Liverpool eines der fairsten Spiele seiner Art sei. Die Rivalität zu Manchester United und seit einigen Jahren zu Chelsea ist mittlerweile durchaus größer einzustufen.

An der Anfield Road kann man den klassischen Fußball, trotz der auch hier, zunehmenden Kommerzialisierung noch atmen. Das Flair des Vereins, des Stadion und seiner Fans ist in Europa einzigartig.

Walk on - with hope in your heart!

 

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